Neue Zürcher Zeitung, 12.03.1998, S. 67

Tourismus

OI Iten, O.

Der Mekong - pulsierendes Herz Vietnams /Mit dem Boot unterwegs auf dem grossen Flussdelta

Braun und träge geworden von der 4500 Kilometer langen Reise, die in Tibet begann und durch ganz Indochina führte, fliessen die Wasser des mächtigen Mekong in Vietnam ins Meer, breit aufgefächert in einem der weitläufigsten Deltas der Erde. Ein ungemein lebendiges Gebilde; das Delta atmet wie eine Lunge und ist in Bewegung. 79 Meter wächst das Geschiebe jährlich weiter ins Meer hinaus. Die Gezeiten sind auch 200 Kilometer flussaufwärts noch spürbar. Wie Adern überziehen Kanäle das schwammige Land. "Vielleicht hat das Mekong-Delta tausend Kanäle", erklärt unser Führer Nguyen Ba Phuc, "aber niemand hat sie gezählt." Das wäre auch nutzlos, ständig kommen neue hinzu und bestehende versanden, bilden neue Kombinationen von Inseln.

 
 
 
 

Informationen

Die beschriebene Reise ist eine Variante, die das Reisebüro Intertreck durch seine Tochter Water Ways anbietet; sie besitzt ein eigenes Boot und als Stützpunkt ein eigenes Bungalowdorf im Mekongdelta. Adresse: Haselstr. 15/3, 9014
St. Gallen, Tel. (071) 278 64 64, Fax 278 71 77.
Ausflüge ins Delta können auch bei lokalen Reisebüros in Saigon gebucht werden. Anreise mit einer asiatischen Luftlinie oder neuerdings mit einem der beiden wöchentlichen Direktflüge der Swissair nach Saigon (Mittwoch und Samstag).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Der Fortschritt kommt schnell"

Strassen taugen in dieser Welt aus Wasser, Mangroven, Morast und Land nicht viel. Menschen haben quer zu den Hauptarmen des Flusses, dem Oberen und dem Unteren Mekong, Kanäle ausgestochen, auf denen Boote praktisch jeden Winkel des äussersten Südens und Westens von Vietnam erreichen können, von Ho Chi Minh City (beziehungsweise Saigon, wie die Südvietnamesen wieder sagen) bis nach Ha Tien an der kambodschanischen Grenze, am Golf von Thailand.

Alle Boote, auch die grossen Lastkähne, tragen am Bug ein Gesicht, schwarz aufgemalte Augen auf weissem Grund, von roter Farbe eingerahmt. Mit diesen hypnotisierenden Augen, erklärt Phuc, pflügen die Schiffe auch nachts sicher durch die Wasser. Und der Verkehr hat stark zugenommen; Doi Moi, die pragmatische marktwirtschaftliche Öffnung, von den kommunistischen Kadern vor einem Dutzend Jahren verkündet, äussert sich auf dem Mekong durch zunehmenden Verkehr. "Der Fortschritt kommt schnell", erklärt Phuc, "mit dem Erlös der ersten überzähligen Säcke Reis wird ein Radio angeschafft, dann ein Farbfernseher. Dann ein Motor für das Boot. Am billigsten sind die chinesischen, sie kosten nur 150 Dollar. Aber sie machen den ohrenbetäubendsten Krach, weil der Auspuff eingespart wurde."
Das raubt natürlich der Flussromantik einen Teil ihres Charmes, der sich in den Seitenkanälen aber immer noch bewahrt hat. Ganz wie man es sich vorstellt, präsentieren sich die schwimmenden Märkte, zum Beispiel in Long Xuyen am Lower Mekong. Bei einer mitten im Fluss vertäuten Fischfarm, wo sich gerade ein Züchter mit Myriaden silberner Fischchen eindeckt, lernen wir Lin kennen, ein dreizehnjähriges Mädchen mit einem strahlenden Lächeln. Es besitzt einen kleinen Einbaum, mit dem es innerhalb des Floating Market Transporte besorgt. Lin rudert uns zwischen den auf etlichen Kilometern verankerten Kähnen hindurch. An einem Mast stellen die Schiffe das Produkt zur Schau, das feilgeboten wird: Kokosnüsse, Bananen, Ananas, auch Plasticgefässe. Viele Menschen wohnen ständig auf dem Fluss, sie "wandern" mit ihren Booten je nach Jahres- und Erntezeiten. Stark vertreten sind die "fliegenden" Händler, welche die Bootsmenschen mit Krämereien versorgen. Schwimmende Kantinen, Näherinnen und Eisverkäuferinnen sind auch darunter.
Das Mekong-Delta gehört zu den dichtest besiedelten Gebieten Südvietnams. Jede Ortschaft ist für eine Spezialität bekannt. Sa Dec, die Kulisse für die Marguerite-Duras-Verfilmung "Der Liebhaber", ist für Glasnudeln berühmt. Die Reisfelder des Mekong-Deltas bilden das Rückgrat für den wirtschaftlichen Erfolg Vietnams, das zum drittwichtigsten Reisexporteur aufgestiegen ist. Auf manchen Inseln ist der Boden indessen für Reis zu sandig; dort stehen dichtgedrängt Bäume mit köstlichen Mangos, Bananen, Papayas und Longan (der vietnamesischen Version von Litschis).
Die Wasser selbst geben Fische jeder Grösse und die delikaten Flussgarnelen preis. Zu den bleibenden Eindrücken vom Mekong gehören auch die vielen Entenschulen mit unzählbaren weissen und gescheckten Exemplaren, die, einer geheimnisvollen Steuerung folgend, sich in einer homogenen Form fortbewegen. Geflügel und Fische, verfeinert durch Ingwer, Pfeffer und andere einheimische Gewürze sowie Lotusblumen und - wurzeln als Gemüse, bestimmen die ausgezeichnete Speisekarte.

Die Garnelen (oder Prawns) haben im Krieg eine denkwürdige Rolle gespielt. Weil die südvietnamesischen und amerikanischen Truppen im dichtbevölkerten und überwachsenen, sumpfigen Terrain überfordert waren, setzten sie grossflächig Herbizide ein. Als die Blätter der Mangroven abfielen, verlor zwar der Vietcong einen Teil seiner Deckung. Die abgefallenen Blätter jedoch wurden im Wasser zu Biomasse, dank der sich die Crevetten und Fische vermehrten, so dass die Guerillas nicht nur genügend zu essen hatten, sondern den Überschuss zu Markte tragen und damit Waffen kaufen konnten. Erinnerungen an den Vietnamkrieg sind überall im Mekong-Delta wach. Im Morast versteckte Kommandoposten sind erhalten geblieben und durch kleine Museen ergänzt worden, die vom genialen Einfallsreichtum des Vietcong zeugen, der einem technisch hoch überlegenen Gegner gegenüberstand. Dieselbe Kreativität entdecken wir in einer urtümlich anmutenden Zuckerfabrik, in der Getriebe von amerikanischen Militärcamions via Ledertransmissionsriemen mit einem Tankmotor verbunden sind.
Mit dem Krieg sind nicht bloss trübe Gedanken verbunden. In den Städten gehört es zum letzten Schrei, mit einem original gestylten US-Army-Jeep herumzukurven. Und überall trifft man auf die einstigen Boat people, die jetzt ihr Heimatland besuchen und ihren wirtschaftlichen Erfolg durch Kleidung und Gehabe kundtun. Aufgefallen sind sie uns besonders in Ha Tien, von wo viele von ihnen einst unter mörderischen Bedingungen in den Golf von Thailand hinausstachen. Im besten Fischrestaurant der Stadt tafelt eine Familie, in ihrer Runde die zurückgebliebene Grossmutter, mit geknotetem Haar und wettergegerbtem Gesicht, bekleidet mit den weiten Hosen einer Bäuerin. Wie von einem anderen Planeten wirkt die Enkelin neben ihr, das Gesicht gepudert und die Lippen geschminkt, eine Paloma-Picasso-Sonnenbrille ins dauergewellte, rot leuchtende Haar gesteckt. Aber die Freude am Wiedersehen ist gross und innig. Unübersehbar sind auch die vielen neuen, mehrstöckigen und weissgetünchten Häuser im Delta, die dank den Überweisungen der Boat people von den Zurückgebliebenen erbaut werden konnten.

 

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Verbotene Hahnenkämpfe

Ausflüge zu Fuss gewähren einen Blick hinter die aufgeschütteten Deiche der zahllosen Inseln. Man kann gut auf den Lehmmauern laufen, nur sind mancherorts die Kanäle auf simplen Bambusstangen zu überqueren, ein Akt der Balance. Die Gehöfte reihen sich in kurzen Abständen aneinander. Das Leben verläuft hier geruhsamer, weil der motorisierte Verkehr fehlt. Die Menschen sind fremde Wanderer nicht gewohnt. Dennoch begegnen sie uns mit einer beeindruckenden, selbstbewussten und ungestellten Freundlichkeit. Sogar einen der verbotenen Hahnenkämpfe dürfen wir photographieren, nachdem wir versichert haben, die Bilder nicht der Polizei auszuhändigen. Es wird um die astronomische Summe von 20 Dollar gewettet, die der Besitzer des siegreichen Hahnes einstecken kann.
Im Delta leben zahlreiche Kambodschaner, die Khmer nannten es einst "Lower Cambodia". Deshalb war es für die Roten Khmer nichts als recht, das Mekong-Delta zurückzuerobern. Der Versuch trug mit zur Invasion Kambodschas durch Vietnam (1979) bei. Nun ist die Spannung weitgehend abgebaut, man kann auch die Grenzdörfer besuchen. An Meeresstränden ist das Mekong-Delta nicht reich. Ausgerechnet an der einzigen Stelle, in Hon Chong, wo skurrile Felsklippen in den Himmel ragen, wird die Bucht von Zementwerken verschandelt, darunter auch einem schweizerischen. Womit jedoch Vietnam allgemein und das Mekong-Delta besonders gesegnet ist, sind die herzlichen und zuvorkommenden Menschen, die den Fremden begegnen, als hätten sie nie schlechte Erfahrungen gemacht.

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